Podcast-Cover Folge 19: Bonjour le Tour: Okzitanien, wo die Mauern erzählen
À table! Der Frankreich-Podcast · Folge 19

Bonjour le Tour: Okzitanien, wo die Mauern erzählen

Von Carcassonne bis zu den Katharer-Burgen: eine Reise durch Okzitaniens Geschichte, Wein und die stille Fahrt auf dem Canal du Midi.

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Worum geht es in dieser Folge?

In Folge 19 von „À table!“ folgt Antje Seele in der Serie „Bonjour le Tour“ der Tour de France 2026 nach Okzitanien: von Carcassonne mit seiner Doppelmauer nach Foix, zu den Katharern und dem Albigenserkreuzzug, zu den Felsenfestungen Montségur, Peyrepertuse und Quéribus und auf den Canal du Midi, den sie aus Hector Malots Kinderbuch „Heimatlos“ kannte, bevor sie ihn mit ihren Eltern befuhr. Dazu die Küche Okzitaniens mit Cassoulet aus Castelnaudary, Carcassonne und Toulouse, Weinen aus Corbières, Minervois und Fitou und Roquefort aus den Höhlen des Combalou.

Transkript der Folge

Sie möchten die Folge lieber lesen? Hier finden Sie die redaktionell geglättete Fassung der Episode. Der persönliche Erzählton und die Reiseeindrücke bleiben erhalten.

Podcast: À table! Der Frankreich-Podcast von Tour Exquisit
Folgentitel: Bonjour le Tour: Okzitanien, wo die Mauern erzählen

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Begrüßung: Bonjour le Tour

„À table!“, der Frankreich-Podcast von Tour Exquisit mit Antje Seele. Bonjour le Tour! Eine Reise von Katalonien bis Paris auf den Spuren der Tour de France 2026. Diese Serie ist meinem Vater gewidmet. Heute: Okzitanien. Bevor wir nach Okzitanien aufbrechen, möchte ich noch einen kurzen Moment innehalten. In den Pyrénées-Orientales, westlich von Perpignan, kämpfen die Menschen derzeit gegen schwere Waldbrände. Viele mussten ihre Häuser verlassen, und auch die Tour de France war davon betroffen.

Die gestrige Etappe nach Les Angles wurde auf den letzten Kilometern ohne Zuschauer gefahren – eine außergewöhnliche Entscheidung. Ich wünsche allen, die dort leben oder im Einsatz sind, von Herzen, dass sich die Lage bald entspannt und sie gesund und sicher durch diese schwierigen Tage kommen. Und jetzt machen wir uns gemeinsam auf den Weg nach Okzitanien.

[00:01:03]

Carcassonne und die Region

Es gibt Orte, die wirken, als seien sie einem Roman entsprungen. Carcassonne ist so ein Ort. Schon von Weitem sieht man die Mauern. Mehr als fünfzig Türme erheben sich über der Ebene – Zinnen, Wehrgänge, Schieferdächer. Fast zu schön, um wahr zu sein. Heute startet die vierte Etappe der Tour de France direkt unter diesen Mauern. Von Carcassonne geht es nach Foix, durch Weinberge, Hügelland und eine Landschaft, die seit Jahrhunderten Menschen fasziniert. Heute nehme ich Sie mit nach Okzitanien, in eine Region voller Geheimnisse, Burgen und Legenden – in eine Region, die ich kannte, lange bevor ich sie zum ersten Mal bereist habe.

Okzitanien gehört zu den geschichtsträchtigsten und gleichzeitig am wenigsten bekannten Regionen Frankreichs. Zwischen Mittelmeer, Pyrenäen und Zentralmassiv entstand hier über Jahrhunderte eine eigenständige Kultur mit einer eigenen Sprache, dem Okzitanischen, das bis heute in Ortsnamen, in Traditionen und in der Musik dieser Region weiterlebt. Die Troubadoure, die ersten Liederdichter Europas, kamen aus dieser Gegend. Im 12. und 13. Jahrhundert waren diese Länder wohlhabend, offen, kulturell blühend. Geografisch ist Okzitanien ein Versprechen. Im Süden das Mittelmeer. Im Westen die Pyrenäen.

Im Norden das Massif Central. Dazwischen Weinberge, Flüsse, mittelalterliche Städtchen und Kanäle. Das Licht hier ist anders als im Rest Frankreichs: weicher am Morgen, intensiver zu Mittag, goldener am Abend. Die Tour de France führt heute durch das Herz Okzitaniens: Corbières-Weinberge zur Linken, Hügel mit Katharerburgen zur Rechten. Für die Fahrer ist es eine taktische Etappe, bergig genug für erste Angriffe, noch nicht entscheidend – für die Zuschauer ist es eines der schönsten Bühnenbilder der gesamten Tour.

[00:03:10]

Die Katharer und Carcassonne

„Tötet sie alle!“ Die Katharer und Carcassonne. Bevor ich von Carcassonne erzähle, muss ich Ihnen von den Katharern erzählen, denn ohne sie versteht man diese Region nicht. Im 12. und 13. Jahrhundert lebte in Okzitanien eine christliche Glaubensbewegung, die der Kirche in Rom fremd und gefährlich erschien. Die Katharer. Sie lehnten die Hierarchien der Kirche ab, lebten schlicht, predigten Güte und Gewaltlosigkeit. Für sie war die materielle Welt das Werk eines bösen Schöpfers – das wahre Göttliche lag allein im Geistigen. Einfache Leute liebten sie, Adlige schützten sie … Die Kirche sah in ihnen Ketzer.

… den Albigenserkreuzzug, benannt nach der Stadt Albi. Was folgte, war einer der brutalsten Feldzüge des Mittelalters – ganze Städte wurden ausgelöscht. Historiker streiten darüber, aber er beschreibt den Geist dieser Zeit. Die letzten Katharer zogen sich in die Felsenfestungen der Region zurück – Montségur, Peyrepertuse, Quéribus.

Diese Burgen, hoch oben, kaum erreichbar, wurden zu ihren letzten Zufluchtsorten. Ich habe sie auf einer Recherchereise erwandert. Ich stieg hinauf, stand hier oben und schaute ins Tal. Ein fantastischer Ausblick, und ich verstand, warum diese Menschen hierher geflohen sind.

[00:04:57]

Carcassonne überlebt die Geschichte

Carcassonne selbst überlebte all das: die mächtige Doppelmauer, die Türme und Zinnen. Das ist eine der ikonischsten Silhouetten Europas – und sie täuscht nicht. Manchmal ist ein Original weniger eindrucksvoll als erwartet … aber Carcassonne nicht. Carcassonne hat mich begeistert. Diese trotzige Burg, diese Mauern, die seit 2.000 Jahren stehen. Römer, Westgoten, Katharer, Franzosen – alle haben hier gebaut, gelebt und gekämpft. Man steht davor und spürt das Gewicht dieser Geschichte nicht als abstrakte Information, sondern als echtes Gefühl. Ich war schwanger, als ich dort war, kaufte ein Modell dieser eindrucksvollen Stadt und habe später in Hamburg oft mit meinem kleinen Sohn mit genau dieser Burg gespielt. Vielleicht habe ich so schon die erste Frankreich-Begeisterung in ihm gesät – und bin selbst in Gedanken immer wieder in die Region gereist.

[00:05:57]

Ein Buch voller Erinnerung: der Canal du Midi

Ein Buch voller Erinnerung. Bevor ich Okzitanien je bereist hatte, kannte ich es aus einem Buch: „Sans famille“, auf Deutsch „Heimatlos“, von Hector Malot. Ich habe es als Kind gelesen. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der mit einer Wandertruppe durch Frankreich zieht, der nirgends wirklich zu Hause ist und doch überall etwas findet – auf Flüssen, auf Landstraßen, durch Landschaften, die man sich beim Lesen vorstellt. Dieses Buch hat mich lange in meinen Träumen begleitet, und dann war ich wirklich dort, auf dem Canal du Midi. Für alle, die den Kanal nicht kennen: 240 Kilometer Wasserstraße, die den Atlantik mit dem Mittelmeer verbindet, gesäumt von alten Platanen, deren Äste sich über dem Wasser treffen wie ein grünes Gewölbe – wie eine Kathedrale.

Das Boot gleitet, die Platanen ziehen vorbei. Das Wasser ist dunkelgrün im Schatten, dann wieder hell, wenn die Sonne durch die Blätter bricht. Man hört die Vögel zwitschern – sonst nichts. Auf dieser Reise nach Carcassonne waren meine Eltern dabei, und an diese Bootsfahrt erinnere ich mich genau. Als ich auf dem Kanal saß, fiel mir das Buch wieder ein: die Reise durch Frankreich auf dem Wasser. Mein Vater, wie immer die Spiegelreflexkamera umgehängt, staunend wie ein Kind, mit einem beglückten Lächeln im Gesicht.

[00:07:21]

Cassoulet, Corbières und Roquefort

Cassoulet: ein Eintopf aus weißen Bohnen, Entenconfit, Schweinebauch und Wurst, der stundenlang im Ofen schmort, bis die Kruste oben goldbraun und knusprig ist und darunter alles verschmilzt. Jede Stadt hat ihre eigene Version – Castelnaudary gilt als Ursprungsstadt. Carcassonne und Toulouse streiten um die beste Variante. Es ist ein freundlicher kulinarischer Krieg, der seit Jahrhunderten geführt wird. Dazu die Weine: Corbières, Minervois, Fitou. Kräftig, dunkel, mit dieser Wärme des Südens. Weine, die nach Sonne schmecken und nach trockenem Stein. Wenig bekannt, sehr gut, sehr erschwinglich.

Dazu natürlich der Käse. Roquefort kommt aus dem benachbarten Aveyron, gehört aber zum Tisch Okzitaniens wie das Brot. In den Kalksteinhöhlen des Combalou reift er unter der Erde, in einem natürlichen Mikroklima, das ihn einzigartig macht.

[00:08:23]

Montségur – die letzte Festung

Montségur – die letzte Festung. Noch einmal zurück zu den Katharern: eine Felsenfestung auf einem 1.207 Meter hohen Kalksteinfelsen in den östlichen Pyrenäenausläufern. Man sieht sie von Weitem, diese Burg, die aus dem Fels zu wachsen scheint. Und wenn man die Geschichte kennt, dann weiß man, dass sie zu den tragischsten Momenten des Mittelalters gehört. Im März 1244, nach zehn Monaten Belagerung, ergaben sich die letzten Katharer. Der Bischof verhandelte: Wer seinem Glauben abschwöre, dürfe gehen. Über zweihundert Menschen weigerten sich. Sie stiegen hinunter ins Tal, dort wartete der Scheiterhaufen.

Bis heute ranken sich um Montségur Legenden, um einen angeblichen Schatz der Katharer, um den Heiligen Gral, der dort verborgen sein soll. Wenn Sie in jener Gegend sind, steigen Sie hinauf. Es dauert etwa eine Stunde. Oben angekommen, schauen Sie über die Täler der östlichen Pyrenäen, und es ist sehr still und wunderschön.

[00:09:31]

Ausblick: die Pyrenäen

Nächste Folge: die Pyrenäen. Die nächste Folge erscheint am 9. Juli, wenn die Tour in die Pyrenäen steigt. Nach Pau, nach Gavarnie und auf einen Pass, der seit 1910 zur Tour gehört – und eine Geschichte trägt, die ich unbedingt erzählen möchte. Wenn Sie Okzitanien nicht nur bereisen, sondern wirklich kennenlernen möchten: Unsere individuelle Reise vom Atlantik bis zum Mittelmeer führt Sie durch einige der schönsten Landschaften Südfrankreichs. Alle Informationen in den Shownotes. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann in Frankreich. À bientôt, Ihre Antje Seele.


Lust auf Okzitanien bekommen? Schreiben Sie mir eine kurze E-Mail an info@tourexquisit.de mit dem Betreff „Okzitanien“. Ich antworte immer persönlich.