Marseille erleben – mit Ralf Nestmeyer auf Entdeckungstour
zur Podcastfolge mit Ralf Nestmeyer

Als ich das erste Mal – mit Anfang zwanzig, Sommerkleid und Rucksack – nach Marseille kam, war mir sofort klar: Diese Stadt ist anders. Wild, überraschend, rau. Mein heutiger Gesprächspartner ist Ralf Nestmeyer, einer der bekanntesten deutschen Reiseführerautoren, außerdem Krimiautor, Historiker und Reisejournalist. Seit vielen Jahren streift er durch Marseille und war inzwischen schon über zehn Mal dort – immer mit neuen Eindrücken. Für meinen Podcast »À Table« habe ich ihn auf einen Spaziergang durch die Marseille-Basics und einige seiner Geheimtipps eingeladen.
Ralf Nestmeyer und seine Verbindung zu Marseille

Ralf Nestmeyer hat sich mit umfangreichen Reiseführern über die Provence, die Côte d’Azur und andere Regionen Frankreichs einen Namen gemacht. Marseille kannte er zunächst vor allem als Kapitel innerhalb größerer Bände. Erst mit der intensiven Recherche für einen eigenen Stadt-Reiseführer kam die wirkliche Nähe: Früher war Marseille in einem Reiseführer auf 15 bis 20 Seiten abgehandelt, heute hat er ein ganzes Buch ausschließlich über die Stadt mit rund 180 Seiten geschrieben. So wurde Marseille für ihn von einem Zwischenstopp zu einem Ort, dessen vielschichtige Atmosphäre er Schritt für Schritt erschlossen hat.
Wie Marseille zur Bühne für Geschichten wird

Die Stadt hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verändert – baulich ebenso wie in der Stimmung. Besonders seit der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt hat Marseille, so Nestmeyer, einen spürbaren Schub bekommen. Es entstand das Museum Mucem direkt am Hafen, ein spektakulärer Bau von Rudy Ricciotti, dessen Dachterrasse Sie auch ohne Museumsticket besuchen können.
Gleich nebenan, am Alten Hafen, steht die Konstruktion von Norman Foster: ein auf hohen Säulen schwebender Spiegel, ungefähr so groß wie ein Handballfeld. Wo früher Parkplätze und dichter Autoverkehr den Hafen dominierten, ist vor allem die südliche Hafenseite heute weitgehend vom Verkehr entlastet. Man flaniert am Wasser, und wer frühmorgens hier steht, riecht Salz, Diesel und Croissants – eine Mischung, die Marseille sofort als echte Hafenstadt spürbar macht.
Orte, Viertel und Routinen in Marseille
Marseille lebt von seinen Vierteln. Da ist zum einen das alte Panier-Viertel direkt oberhalb des Hafens, mit engen Gassen und vielen Graffitis an den Wänden. Zum anderen der Cours Julien, ein Platz ein gutes Stück oberhalb des Alten Hafens, auf einer kleinen Anhöhe gelegen. Hier, erzählt Nestmeyer, ist es ein lebendiges Viertel mit zahlreichen Studierenden, alternativen Szenekneipen, Boutiquen, Second-Hand-Läden und Restaurants. Die Hausfassaden sind mit Graffiti-Kunst überzogen, zu der es sogar eigene Führungen gibt.
Geht man nur wenige hundert Meter weiter, steht man in Straßen, in denen viele arabische Händler ihre Waren verkaufen – und findet sich auf einmal in einer ganz anderen Welt wieder. Genau diese schnellen Wechsel der Atmosphären machen einen Teil des Reizes von Marseille aus.
Kulinarik, Bouillabaisse und andere Genüsse

Wer »Marseille« sagt, denkt schnell an Bouillabaisse – die berühmte Fischsuppe. Nestmeyer beschreibt die kulinarische Szene der Stadt allerdings deutlich breiter: Es gibt zahlreiche arabische Restaurants mit Couscous und nordafrikanischen Gerichten, asiatische Lokale, klassische französische Küchen – im Grunde alles, was die Einwanderungswellen nach Marseille mitgebracht haben.
Damit Sie nicht in einer Touristenfalle landen, rät er, sich ein Stück vom Alten Hafen zu entfernen. Auch dort gibt es gute Adressen, doch je konsequenter sich ein Restaurant am touristischen Laufpublikum orientiert, desto weniger spielt die Stammkundschaft aus der Stadt eine Rolle. Wer sich ein wenig treiben lässt, die Speisekarte prüft, auf Atmosphäre und Lage achtet, findet eher jene Lokale, in denen auch Einheimische regelmäßig essen.
Von seinen Reisen – nicht nur aus Marseille, sondern aus der gesamten Region – bringt Nestmeyer gern kleine kulinarische Andenken mit: Camargue-Salz mit Chili, Lavendel, Honig, gelegentlich eine Kiste Wein und die langen, dünnen Salamis aus einem Laden im provenzalischen Banon. Gekauft werden sie meist am Ende einer Reise, wenn klar ist, dass sie den Heimweg gut überstehen.
Die Calanques: Naturwunder vor den Toren der Stadt

Marseille ist nicht nur Hafen. Die berühmten Calanques – steile Kalkmassive mit tief eingeschnittenen Buchten und smaragdgrünem Wasser – beginnen nur etwa zehn Kilometer Luftlinie von der Stadt entfernt. Nestmeyer beschreibt eine seiner Lieblingsrouten so: Man fährt mit dem Bus bis an eine Endstation, wandert über einen Berghügel hinunter zu den Buchten und steigt später zu einer weiteren Bucht hinauf. Von dort geht es ein kurzes Stück ins Landesinnere zur Endstation einer anderen Buslinie, mit der man bequem nach Marseille zurückfährt.
Diese Wanderung ist landschaftlich großartig, aber durchaus anspruchsvoll: Die Wege sind felsig, es geht spürbar auf und ab, und an einigen Stellen braucht man die Hände zur Unterstützung. Für Reisende mit Gehproblemen oder ausgeprägter Höhenangst ist sie weniger geeignet. Im Sommer steigen die Temperaturen in den Felsen leicht auf 35 bis 40 Grad; angenehmer und deutlich ruhiger ist es in der Vor- und Nachsaison. Wer Badesachen dabei hat, kann unterwegs in einer der Buchten ins Meer springen.
Das gesamte Gebiet steht unter Naturschutz. Wildes Zelten und Rauchen sind verboten, um Vegetation und Landschaft zu schützen. Wer es weniger sportlich mag, erreicht die Calanques auch per Boot vom Alten Hafen aus. In einigen Buchten gibt es zudem Restaurants, in denen man einkehren kann – sinnvollerweise mit Reservierung, denn gerade an sonnigen Tagen sind diese sehr gefragt.
Kunst, Museen und urbane Kultur zwischen Hafen und Szene

Marseille ist auch eine Stadt der Museen und der zeitgenössischen Kultur. Das Mucem zählt zu den meistbesuchten Museen Europas; dank der frei zugänglichen Stege und Terrassen lässt sich seine Architektur unabhängig von einer Ausstellung erleben. In der benachbarten ehemaligen »Villa Méditerranée« wurde eine Nachbildung einer Unterwasser-Tropfsteinhöhle aufgebaut, deren Originalhöhle mit prähistorischen Felszeichnungen streng geschützt und unzugänglich ist. Besuchende fahren mit einem Aufzug unter Meeresspiegel-Niveau und bewegen sich in langsamen Wagen durch die nachgebildeten Gänge – fast wie in einer echten Höhle, nur ohne die Kälte.
Ein weiterer Ort, den Nestmeyer empfiehlt, ist das Kulturzentrum Friche la Belle de Mai in einer ehemaligen Zigarettenfabrik. Dort finden Sie ein Restaurant, eine Buchhandlung, Ateliers, Konzerte und Open-Air-Kinoaufführungen auf dem Dach. Das Areal liegt abseits der klassischen touristischen Wege; wer sich für Kunst, urbane Kultur und eine lebendige Szene interessiert, sollte diesen Abstecher bewusst einplanen.
Arbeiten, Schreiben und das Leben als Reisejournalist
Der Blick hinter die Kulissen des Reisejournalismus ist überraschend bodenständig. Nestmeyer beschreibt seine Recherchereisen als Arbeitstage, an denen er wie ein Handlungsreisender unterwegs ist: Er klappert Dorf für Dorf ab, prüft Museen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants und nimmt seine Eindrücke mit einem Diktiergerät auf. Abends im Hotelzimmer tippt er die Notizen in Kurzform ein, solange die Erinnerung frisch ist.
Für seinen ersten großen Frankreich-Reiseführer über die Provence war er etwa ein Jahr mit Recherche und Schreiben beschäftigt, darunter rund zweieinhalb Monate vor Ort. Auch heute ist er für Aktualisierungen pro Auflage insgesamt sechs bis sieben Wochen unterwegs. Für Restauranttipps kombiniert er eigene Eindrücke mit lokalen Restaurantführern und etablierten Guides wie Michelin oder Gault&Millau. Wichtige Kriterien sind Lage und Atmosphäre, aber auch Details wie die Art, wie die Speisekarte geschrieben ist oder wie die Tische eingedeckt sind.
Was ich aus dem Gespräch für Tour Exquisit mitnehme

Marseille ist keine glatte Schönheit, sondern eine Stadt mit Ecken, Kanten und Charakter – »authentisch, schön, interessant«, wie Ralf Nestmeyer sie beschreibt. Für unsere Reisen bei Tour Exquisit bedeutet das: Wir möchten Sie einladen, Marseille so zu erleben, wie wir sie durch seine Erzählungen kennengelernt haben – mit kulinarischer Offenheit, Respekt für Natur und Kultur und der Bereitschaft, auch abseits der klassischen Pfade unterwegs zu sein.
Wer in den Calanques wandert, durch das Panierviertel oder über den Cours Julien streift und am Alten Hafen den Duft von Salz, Diesel und Croissants in der Nase hat, versteht schnell: Die Anziehungskraft Marseilles liegt im Echten, im Ungeplanten und manchmal Unvollkommenen.
Wenn Sie Marseille erleben möchten, begleiten wir von Tour Exquisit Sie mit ausgewählten Reisen voller Genuss, Kompetenz und Gespür für das Besondere.
Weiterführende Links
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Hören Sie die Folge komplett und entdecken Sie Marseille mit neuen Augen. Oder lassen Sie sich direkt für eine Reise inspirieren – gern begleiten wir Sie dabei. Ihre Antje Seele

